In Europa wurde das Euro‑Office gestartet – ein Set von Büroprogrammen, das auf dem Code von OnlyOffice basiert
Euro‑Office – ein neuer europäischer Office-Paket
1 Was ist Euro‑Office?
Ein Konsortium aus drei europäischen Unternehmen – Nextcloud, Ionos und Proton – hat eine Reihe von Büroanwendungen namens *Euro‑Office* entwickelt. Die Grundlage des Projekts bildet die Open‑Source-Codebasis *OnlyOffice*.
Das Paket umfasst:
Anwendung Funktionalität
Texteditor Bearbeitung von Dokumenten DOCX, ODT usw.
Tabellen Excel‑ähnliche Funktionalität (XLSX, ODS)
Präsentationen Erstellung von Folien PPTX, ODPP
PDF‑Editor Lesen/Ändern von PDF
Alle Komponenten sind sowohl mit Microsoft Office‑Formaten als auch mit offenen Standards (ODF) kompatibel. Eine Vorabversion ist bereits auf GitHub verfügbar; die offizielle Euro‑Office 1.0 soll im Sommer veröffentlicht werden.
2 Warum das für Europa wichtig ist
Das Projekt ist Teil einer umfassenderen Strategie zur digitalen Souveränität:
- Abhängigkeit von amerikanischen Softwareanbietern reduzieren,
- Kontrolle über kritische Infrastruktur und Daten gewährleisten,
- staatlichen Einrichtungen und Unternehmen die Möglichkeit geben, ihren eigenen Code zu verwalten.
Für viele Organisationen wird die Kontrolle über den Quellcode gleichwertig mit dem Funktionsumfang der ausländischen Konkurrenzprodukte betrachtet.
3 Lizenzierung und Konflikt mit OnlyOffice
OnlyOffice, das „Elternteil“ von Euro‑Office, hat den Fork wegen Verstoßes gegen die Bedingungen der GNU AGPL v3 beschuldigt.
> *„Jegliche Argumentation, dass eine modifizierte Version ausschließlich unter AGPL v3 ohne zusätzliche Einschränkungen verbreitet werden könne, ist rechtlich unbegründet… Jede abgeleitete Arbeit muss alle Lizenzbedingungen einhalten, einschließlich zusätzlicher“* – erklärten die Entwickler von OnlyOffice.
Damit entstand der Streit darüber, ob man den Code frei forken und verbreiten kann, ohne die Lizenz zu ändern.
4 Vertrauens- und Transparenzprobleme
Euro‑Office betont:
1. OnlyOffice hat russische Wurzeln: ein Großteil des Quellcodes wurde von Entwicklern aus Russland geschrieben.
2. In der aktuellen geopolitischen Spannungslage erschwert dies die Zusammenarbeit.
3. Mangelnde Transparenz im Entwicklungsprozess untergräbt das Vertrauen.
Darüber hinaus behauptet Euro‑Office, dass Beiträge zu OnlyOffice „unmöglich“ oder „nicht empfohlen“ seien und die Build-Anleitungen als unzuverlässig und veraltet gelten. OnlyOffice widerlegt diese Aussagen und betont, dass es seine Aktivitäten nach Lettland verlagert hat und offen für Zusammenarbeit ist.
5 Kernkonflikt
Der Streitpunkt: Fork‑Recht versus kommerzielle und politische Realitäten.
- Für Euro‑Office ist dies ein Weg zur softwareseitigen Unabhängigkeit unter dem Motto „Made in Europe“.
- Für OnlyOffice zeigt es, wie Misstrauen und Lizenzinterpretationen zu Konflikten um offenen Quellcode führen können.
Ergebnis
Euro‑Office stellt einen Versuch dar, ein vollständig europäisches Office-Paket auf Basis einer bestehenden Open‑Source-Lösung zu schaffen. Gleichzeitig ist das Projekt mit rechtlichen Ansprüchen konfrontiert, die eine Debatte über Lizenzierung und Vertrauen in der globalen Entwicklergemeinschaft ausgelöst haben.
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